- 12.01.2018
EINE LOHNENDE WETTE
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Eine Nagfliege brummte schwerfällig durch den Garten des Nurgle. Rings um sie tanzten Sporen träge in der verseuchten Luft. Ächzweiden seufzten in der Brise und Rostgras knarrte auf den fauligen Wiesen, als die Fliege vorüberflatterte. Ihr einfacher Verstand drehte sich um Schmutz, Fressen und wo sie wohl beides zusammen finden könnte. Die Nagfliege ließ sich für einen Moment auf einem Steinbogen nieder, der aus einem seichten Tümpel voll Blasen werfender Fäulnis ragte. Sie schüttelte ihre Flügel aus und summte schrill und klanglos, als sie dem verpesteten Wasser ihr eigenes großzügiges Opfer an Widerwärtigkeit darbrachte. 

Smaragdgrünes Licht leuchtete auf und die Fliege quiekte erschreckt, als der Torbogen mit flackernder Energie zum Leben erwachte. Ein fleischiger Leib schleppte sich durch das Portal, etwas Riesiges und Schneckenhaftes mit einem schleimigen Panzer auf dem Rücken. Eine gekrümmte Klaue packte die Nagfliege, als sie zu flüchten versuchte. Sie gab ein letztes panisches Quietschen von sich, bevor sie in den stinkenden Schlund eine Dämons geworfen wurde.

Die Nagfliege platzte wie ein überreifer Pickel zwischen Horticulous’ Zähnen, und er verzog das Gesicht.

„Natürlich leer … mein übliches Glück“, brummte er.

Mulch sackte in dem übelriechenden Gewässer zusammen und gab ein befriedigtes Seufzen von sich, als eiskalter Schmutz über seinen fetten Leib hinwegspülte. Das Schneckenwesen verdrehte einen Augenstiel, um Horticulous fragend anzusehen.

„Nun, ich weiß doch auch nicht, oder?“, stieß der Seuchendämon genervt hervor. „Die Toten haben ihren Platz im Kreislauf, und das ist gut so. Wenn ’se aber vergessen, wo dieser Platz is’ …“

Mulch stöhnte beunruhigt auf, wobei Blasen von Brackwasser um seinen Mund aufstiegen.

„Ich weiß, Junge“, sagte Horticulous. „Gar nicht gut. Das ist so eine Sache, da wird Väterchen vor Wut kochen, sag ich dir.“

Mulchs Kopf versank tiefer im Schlick, bis nur noch seine Augenstiele aus der schlammigen Oberfläche ragten. Er blubberte missmutig.

„Die Wahrheit, die brauchen wir, und Zeit, um rauszufinden, was das alles bedeutet“, sagte Horticulous. Er steckte zwei Finger zwischen die aufgesprungenen Lippen und gab ein feuchtes Pfeifen von sich. Seine Seuchenfliegen antworteten in Schwärmen, die sich wie ein dicker Teppich auf ihm niederließen, wobei ihre Beinchen und Flügel seine ledrige Haut kitzelten.

„Also gut, Kinder, es is’ Zeit, dass ihr euch mal was verdient“, sagte der Dämon. „Man is’ nicht so lange unterwegs wie ich, ohne einen Riecher dafür zu kriegen, wenn was nich’ ganz anständig müffelt. Und nach dieser Sache draußen bei Zintalis riech’ ich nichts als Asche. Raus mit euch in die Reiche und sucht. Mir egal, wie oder wo, fliegt einfach so weit ihr könnt, kommt dann wieder und erzählt mir, was ihr gesehen habt. Zeichen, Omen, umherschlurfende Leichen, was immer es is’, ich will alles darüber hören, klar?“

Seine Fliegen gaben ein raschelndes Summen von sich, als sie zur Antwort mit ihren Flügeln scharrten. Sie stieben von Horticulous Körper wie eine Wolke auf und brausten in alle Richtungen davon, um die korrumpierten Realmgates zu finden, die in Nurgles Garten verteilt waren.

Der Große Kultivator nickte entschieden, bevor er Mulch einen kräftigen Tritt verpasste. „Na gut, alter Schneckerich, hast jetz’ genug vor dich hin mariniert. Es wird ein bisschen dauern, bis die Fliegen wieder zurück sind, und in der Zwischenzeit kannste wetten, dass die Plaguebearers die Faulblüten nicht anständig gestutzt haben. Los, Junge, es steht noch Gartenarbeit an.“

Mulch gab ein weiteres bemitleidenswertes Seufzen von sich, bevor er sich durch den Schleim davonschleppte. Horticolous hockte nachdenklich auf seinem Rücken.

Die Zeit war für Horticulous’ Begriffe schon immer merkwürdig vergangen. Wenn er überhaupt bemerkte, dass sie verging, geschah es mal in fließenden Kreisläufen und mal kroch sie dahin wie in einem verstopften Flussbett. So oder so war der Große Kultivator überrascht davon, wie früh die ersten Fliegen wiederkamen. Er hatte kaum die Zeit gefunden, seine Untergebenen für ihre schlechte Arbeit zu beschimpfen, die unteren Schwärfelder zu pflügen und sich um die Welkblumen zu kümmern, da kamen die Insekten schon eines nach dem anderen zurück.

Die meisten brachten alarmierende Neuigkeiten von merkwürdigen Geschehnissen oder Begegnungen, welche die dämonischen Insekten in summende Panik versetzt hatten. Manche von Horticulous’ kleinen Gehilfen kehrten mit gekrümmten Beinen und verfärbten Leibern zurück, die fleckig waren vor aschener Sterilität.

Manche kamen überhaupt nicht wieder.

 

Mit jeder neuen Geschichte wurde Horticulous’ Besorgnis größer. „Ghasts und Spuk, Finsterbracken und heulende Schreckgespenster“, brummelte er Mulch nach einem besonders lebhaften Bericht aus dem Jadekönigreich Verdia zu. „Dunkle Omen und noch dunklere Vorhersehungen. Da kommt was Übles auf uns zu, denk an meine Worte. Ich schätze, wir sollten uns mal mit dem Regenvater unterhalten.“

Mulch stieß voller Zustimmung auf und schnappte träge nach dem kichernden Nurgling, der an einer Stange vor seinem Gesicht baumelte. Die Milbe zappelte verführerisch außerhalb seiner Reichweite herum, entließ ein paar unschöne Gase und streckte die Zunge heraus. Mit einem entnervten Grunzen setzte sich Mulch in Bewegung und kroch in Richtung der Pestilenten Weidegründe, wo man den mächtigen Great Unclean One Rotigus zuletzt gesehen hatte.

Horticulous vernahm den Kampflärm, lange bevor er Rotigus zu Gesicht bekam. Das Klirren von Stahl, Geschrei und das nasse Platschen umherschießender Fäulnis hallten zwischen den Stämmen eines welken Dickichts wider, als Mulch zwischen den Bäumen entlangschlurfte. Als sie zwischen den gebeugten Gewächsen hervorkamen, tippte Horticulous Mulchs Schnauze an, um ihm zu bedeuten, auf einer knochigen Anhöhe innezuhalten, von der aus er die Pestilenten Weidegründe überblicken konnte.

Horticulous lehnte sich zurück und kaute auf einem Knochensplitter, während er Rotigus mit professioneller Anerkennung bei der Arbeit zusah. Dort unten auf den Weidegründen war der Boden von großen Scherben blau schimmernder Kristalle aufgerissen worden, auf denen vielfarbige Flammen tanzten. Horticulous erkannte einen Splitter des Kristalllabyrinths, des ständig im Wandel befindlichen Reichs des Tzeentch, welches manchmal in Nurgles reichhaltige Domäne eindrang. Aus diesem merkwürdigen Schlund war eine Flut von Dämonen des Tzeentch hervorgequollen, die ohne Zweifel darauf hofften, die Weidegründe dem Reich ihres Meisters einverleiben zu können.

Die überall auf dem Schlachtfeld verteilten Haufen aus dahinfaulendem Ektoplasma und welkendem Fleisch, aus dem bereits die Pilze sprossen, ließen erahnen, dass Rotigus da andere Pläne hatte. Während Horticulous zusah, versammelte der Great Unclean One mit der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze gerade seine Plaguebearers für einen letzten Angriff auf die zerschlagenen Reste der eindringenden Armee. Rotigus schlug kaleidoskopische Dämonen mit einem lässigen Schwinger seines verdrehten Stabes beiseite. Er zerquetschte sie unter seinem schieren Gewicht und erbrach Ströme brackigen Schmutzes aus seinem Wanstschlund, die Tzeentchs Diener ertränkten und ihre unnatürlichen Flammen löschten.

Schließlich wandten sich die letzten überlebenden Horrors zur Flucht und hüpften auf die gähnende Öffnung ihres Tunnels zu. Rotigus erhob seinen Stab und intonierte einige Worte, durch welche die Dämonen sich vor der rohen Kraft überquellender Fruchtbarkeit krümmten. Einer nach dem anderen wurden sie von pilzartigen Gewächsen auseinandergerissen, die in ihrem Fleisch heranwucherten, bis schließlich ein neuer Hain in der Brise wippender Pilze, die groß waren wie Bäume, vor dem Eingang zum Kristalllabyrinth stand.

Zufrieden mit dem Ende der Vorstellung trieb Horticulous Mulch den Hang hinab. Rotigus sah, wie er sich näherte, und seine Augen, die schwarz wie kleine Käfer unter seiner verrotteten Kapuze hervorblickten, beobachteten den Großen Kultivator. Rotigus überließ es seiner dämonischen Dienerschaft, die Kristallscherben mit Leichenkompost einzureiben, und schleppte sich vorwärts, um Horticulous auf halbem Weg zu treffen. Der Great Unclean One ging in die Hocke, wobei er Horticulous dennoch wie ein Berg madigen Fleisches überragte.

„Hgh … Horticulous“, sagte er nickend. Rotigus’ tiefe Stimme war ein blubbernder, flüssiger Albtraum – die Art von Geräusch, die ein Erdrutsch von sich gäbe, wenn er sprechen könnte. Der Great Unclean One klang, als würde er durchgehend damit zu kämpfen haben, sich nicht zu übergeben, während schwarzer Matsch in geräuschvollen Spritzern von seinen Lippen triefte. Horticulous nickte ebenfalls und kaute nachlässig auf seinem Knochensplitter.

„Regenvater“, sagte er. „Anständig Ordnung gehalten hier. Wir wollen ja nicht, dass das Ungeziefer vom alten Wandler hier überall rumspringt, was?“

„Was … ugh … was willst du, Slimux?“, fragte Rotigus. „Das hier … hgh … hat mich schon genug Zeit gekostet. Es gibt Wege zu beschreiten und Geschenke zu überbringen. Immer mehr … urgh … Geschenke.“

„Und wo führen dich deine Wege als Nächstes hin?“, wollte Horticulous wissen.

„Ghg … Ghyran – nicht, dass es dich was angehen würde“, erwiderte Rotigus. „Wieso? Willst du mich begleiten, kleiner Kultivator?“

„Kann schon sein“, antwortete Horticulous. „Aber nicht an einen so unbedeutenden Ort.“

Rotigus’ Wanstschlund bebte und schwappte über vor feuchtem Gelächter, doch sein eigentliches Gesicht runzelte argwöhnisch die Stirn. Dicker Schleim triefte in Fäden von seinen fettigen Kinnfalten.

„Der Krieg des Lebens … hwugh … betrifft den großen Horticulous Slimux wohl nicht, hm?“, fragte er. „Bist du zu alt und weise für Väterchens Krieg geworden, Erstgespuckter?“

„Der Krieg des Lebens ist nur eine einzige Unternehmung“, sagte Horticulous. „Väterchens Interessen haben sich längst weiter verzweigt. Wieso glaubste wohl, dass er mich zum Säen ausgeschickt hat? Alle Reiche müssen seine Großzügigkeit zu spüren bekommen, nicht bloß eins. Überlass solch krankhafte Besessenheit dem Herrn der Schädel, sagt er, und ich finde, er liegt ganz richtig.“

Rotigus verlagerte mit einem feucht saugenden Geräusch sein Gewicht und ein tiefes Poltern ertönte in seiner Brust.

„Du weißt doch irgendwas, oder? Was … hugh … hgh … ist es?“

„Ich hab einige Dinge gesehen, hab ’se auf Fliegenflügeln gehört, hab ihren toten Gestank gerochen“, sagte Horticulous. „Es kommt was Übles auf uns zu, Regenvater. Die Toten erheben sich, und wenn ich recht habe, ist der Kreislauf selbst in Gefahr.“

„Wenn du recht hast“, wiederholte Rotigus. „Und wo … ugh … wo wehen diese Winde? Wohin möchtest du auf deinem vielfüßigen Ross reiten, um … suhgh … Antworten zu finden?“

„Na wohin schon?“, fragte Horticulous. „Shyish. Und ich hab nicht vor, allein zu gehen. Lass doch die anderen fliegenäugigen Narren über Alarielles hübsche Blumenwiesen tanzen. Wenn du und ich die Tallybands in die Länder der Toten führen und was-auch-immer sich dort für ein Unheil zusammenbraut ein Ende setzen … überleg doch mal, wie Väterchen vor Dankbarkeit triefen würde.“

„Eine geteilte Belohnung ist eine halbe Belohnung“, sagte Rotigus.

„Hah!“, lachte der Große Kultivator. „Also gut, lass uns doch eine Wette draus machen, was denkst du, hm? Sicher kann nicht einmal das Ödland von Shyish lange tot bleiben, wenn du deine unbändigen Kräfte in aller Großzügigkeit darüber freisetzt?“

„Derjenige … ugh … der zuerst den Grund für deine Magenschmerzen findet und ihm ein Ende bereitet, soll der Gewinner sein“, sagte Rotigus und neigte sein gewaltiges Haupt.

„Aye“, bestätigte Horticulous.

„Und was, wenn deine … ghg … Sorgen sich als unbegründet erweisen, kleiner Kultivator, und du meine Zeit verschwendest?“, fragte Rotigus mit bedrohlichem Unterton.

„Sind ’se nicht und werd’ ich nicht“, sagte Horticulous. Sein einzelnes Auge erwiderte unverwandt Rotigus’ finsteren Blick.

Schließlich gab der Great Unclean One einmal mehr ein tiefes Brummen von sich und wandte sich ab. „Schuppschwamm! Mulgus!“, rief er, um die Aufmerksamkeit seiner untergebenen Poxbringers zu erregen. „Ghugh … versammelt die Tallybands! Wir machen uns auf zum Splitterknochen-Realmgate! Die Sturzflut hat Angelegenheiten in den Ländern der Toten zu erledigen!“

Horticulous bedeutete mit einigen Gesten seinen überlebenden Fliegen, sein eigenes Gefolge zu versammeln. Er lächelte in sich hinein und saugte den letzten Rest Mark aus seinem alten Kauknochen. Zwei von Nurgles mächtigsten Dämonen mitsamt ihrer kombinierten Gefolgschaft waren in der Tat eine beeindruckende Streitmacht. Was auch immer sich im Reich des Todes zusammenbraute, es tat ihm fast schon leid …